MobiWe - Mobile Welten. Zur Migration von Dingen in transkulturellen Gesellschaften

Unzählige Dinge wandern über den Erdball – unter anderem in Form von Handelsware, als virtuelle Gestalten auf Computerbildschirmen oder auch im Gepäck von Touristen oder Migranten. Im Verlauf dieser Wanderbewegung kann sich die Bedeutung der Dinge, aber auch ihre Gestalt verändern. Doch was signalisiert das Trikot der kroatischen Nationalmannschaft, wenn es von einem Jungen in Raqqa getragen wird? Und was wird aus dem Container, wenn ihn Flüchtlinge bewohnen? Eine moderne Gesellschaft lebt am Schnittpunkt zahlreicher Waren- und Migrationsströme und bildet zwangsläufig eine transkulturelle Ordnung der Dinge aus. Im Rahmen dieses prekären Gemenges verbinden, überlagern oder stören sich Formen unterschiedlichster Herkunft. Manche Dinge – der Kruzifix, das Kopftuch oder bestimmte deutsche Automarken – eignen sich zur Verstärkung kollektiver Identitäten oder provozieren, als Kehrseite der Medaille, vehemente Abwehrreaktionen. Daneben gibt es bedeutungsoffene Formen, die sich auf vielfältige Weise aneignen und umarbeiten lassen: Melodien, Speisen, Sportarten oder Mode. Zudem umfasst materielle Kultur eine große Zahl von Gebrauchsgegenständen, deren transkulturelle Herkunft selten bedacht, geschweige denn explizit wahrgenommen wird – wie Porzellan, Teppiche, Lackwaren, Parfum oder Shampoo. Dieses Alltäglich-Zuhandene schmuggelt sich in die Lebenswelten, wobei es diese unbemerkt umkrempelt. Somit bezeugt die transkulturelle Gegenwart der Dinge nicht nur verschiedenste Wahrnehmungs- , Denk- und Handlungsweisen, sondern prägt diese auch mit.

„Mobile Welten“ – eine Kooperation zwischen dem MKG (Museum für Kunst und Gewerbe) in Hamburg, der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, der Goethe-Universität in Frankfurt a.M. sowie der Erich Kästner-Schule in Hamburg-Farmsen – geht diesen Verflechtungen auf vielerlei Ebenen nach.

1.) Das transkulturelle Museum

Das Museum für Kunst und Gewerbe stiftet für die Projektdauer (2015-18) eine Art extraterritorialen Raum, in dem transkulturelle Objekte (persische Töpferware beispielsweise, die chinesisches Porzellan imitiert, oder Hindualtäre in Gelsenkirchener Barock) versammelt und in Auseinandersetzung mit Publikumsgruppen, gerade auch solchen mit Migrationserfahrung, nach neuen museologischen Kategorien geordnet werden (ob diese „neuen“ Kategorien der gegenwärtigen Lebenswirklichkeit eher entsprechen als jene etablierten Kategorien, die zumeist dem 19. Jahrhundert mit seiner nationalstaatlichen Emphase entstammen, sei erst einmal dahingestellt). Das transkulturelle Museum verfolgt analytische ebenso wie spekulative Ambitionen und überantwortet sich rückhaltlos dem Prinzip des trial and error, statt, wie gehabt, auf Artefakte plus Schildchen und Begleitprogramm zu setzen. Damit knüpft das MKG Hamburg an aktuelle Debatten an, wie sie sowohl um die Musealisierung der Migration als auch um die Symmetrie von westlichen und nicht-westlichen Formen- und Vorstellungswelten (beispielsweise im Berliner Humboldtforum) geführt werden.  Roger M. Buergel (Direktor Johann Jacobs Museum Zürich; Künstlerischer Leiter der documenta 12 [2007]) übernimmt als Gastkurator die Verantwortung für das transkulturelle Museum. 

2.) Der Alltag als Ausstellung

Wird das Museum als transkulturelle Szene neu gedeutet, kommt der Frage der Vermittlung eine besondere Bedeutung zu. Nun gehört der Anspruch, aus dem Zentrum zu sprechen, durchaus zum Selbstverständnis der Institution „Museum“. Heute geschieht dies nicht mehr in belehrendem Tonfall, sondern über die Einladung zur Partizipation, die sich bevorzugt an sogenannte „bildungsferne Schichten“ richtet. Uns stellt sich daher die Frage, wer genau zu wessen Bedingungen partizipiert: Ist es allein das Publikum, das vom Museum lernt, oder könnte nicht auch das Museum, gerade in Sachen transkulturelle Erfahrung, eine Menge von seinem Publikum lernen? In diesem Sinne setzt das Vermittlungsprogramm, das aus der Kooperation von Schule, Museum und Universität erwächst, auf die aktiven Teilnahme von Jugendlichen auf allen Ebenen: Als ExpertInnen des transkulturellen Alltags werden SchülerInnengruppen der Erich-Kästner-Schule in Hamburg-Farmsen nicht nur die Museumsexponate auf ihre Aktualität hin befragen, sondern auch die transkulturelle Dingordnung ihrer eigenen Lebenswelt ethnographisch erforschen. Ziel dieser Zusammenarbeit ist der Aufbau einer Art Gegensammlung, welche die historischen Exponate des Museums kommentiert, unterstützt oder konterkariert.

Dieses Ausstellungsexperiment ist zugleich Ausgangspunkt für eine universitär eingebettete, praxistheoretische Analyse des Phänomens „Display“.

3.) Die Migration häuslicher Dinguniversen

Empirischer Gegenstand dieses ethnologischen Projekts sind migrantische Haushalte, die darin lebenden Personen sowie die damit verbundenen „transkulturellen“ Dinguniversen. Die häusliche Ordnung der Dinge ist weder homogen noch fungiert sie lediglich als Repräsentant der Bedeutungen, Werte und Normen der Bewohner des Haushalts. Vielmehr sind diese Objekte Teil einer Aushandlung: Ihre Bewertung ist umstritten, ihr Gebrauch wandelt sich und die mit ihnen verknüpften Kontexte werden immer wieder neu definiert. Die Betrachtung der Dinge in Haushalten bietet somit eine reichhaltige Quelle, um eine komplexere Vorstellung von den migrantischen Lebenswelten in Deutschland zu gewinnen.

Da sich die bisherigen Forschungen zur materiellen Kultur vornehmlich auf herausgehobene Einzelobjekte konzentriert und weder die Alltäglichkeit der Dinge noch ihren konstellativen Verweisungszusammenhang berücksichtigt haben, liegen für eine solche Forschungsperspektive jedoch keine geeigneten Methoden vor. Ziel ist also auch, ein geeignetes methodologisches Instrumentarium zu entwickeln, das nicht nur der Vielschichtigkeit der häuslischen Dinguniversen Rechnung trägt, sondern zugleich auch die Lebenslagen, die alltäglichen Probleme und die Erwartung an Gegenwart und Zukunft in unserer Gesellschaft dokumentiert.

 

 

Verbundpartner MobiWe

Dr. Sophia Prinz (Verbundkoordinatorin)
Stiftung Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) - Kulturwissenschaftliche Fakultät - Professur für vergleichende Kultursoziologie

Tel.: +49 (0)335 5534-2930
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Prof. Dr. Hans-Peter Hahn
Goethe-Universität Frankfurt a. M. - FB 08 Philosophie und Geschichtswissenschaften - Institut für Ethnologie

Tel.: +49 (0)69 798-33072
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Prof. Dr. Sabine Schulze
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Tel.: +49 (0)40 428134-100
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Weitere Informationen

Laufzeit

01.10.2015 bis 30.09.2018

Website (ab Februar 2016)

 www.mobile-welten.org