Parerga und Paratexte – Wie Dinge zur Sprache kommen. Praktiken und Präsentationsformen in Goethes Sammlungen

Wie kommen Dinge zur Sprache? Auf welche Weise lassen sie sich ansprechen, werden aussage-kräftig oder sprechen gar selbst? In der aktuellen kulturwissenschaftlichen Diskussion dieser Fragen dominieren zwei Ansätze: Entweder werden Dinge als Bedeutungsträger und somit als Zeichen eines übergeordneten Sprachsystems aufgefasst oder aber ihnen wird der Status von sprachmächtigen Ak-teuren zugewiesen. Das Projekt problematisiert beide Ansätze und sucht nach einer dritten Position, deren Ausgangspunkt Goethes Konzeption eines „Gesprächs mit den Dingen“ ist, das eine Subjekt-Objekt-Dichotomie in Frage stellt.

Das Projekt profitiert von dem kulturgeschichtlichen Glückfall, dass sich in Goethes umfangreichen Kollektionen nicht nur die Objekte selbst, sondern ebenso Sammlungsmöbel, Sockel, Vitrinen, Objektbeschriftungen, Etiketten u.a.m. erhalten konnten. Der exzeptionelle Bestand dieser vermeintlich trivialen Parerga und Paratexte geriet bisher jedoch kaum in das Blickfeld der Forschung. Gerade in der Zusammenschau der materiellen und textuellen Zurichtungen von Sammlungsobjekten mit der dichten Überlieferung archivalischer Quellen und autobiographischer Texte lassen sich konkrete Sammlungspraktiken rekonstruieren. In wechselseitiger Erhellung zu diesem praxeologischen Zugang steht die Analyse der in den naturwissenschaftlichen, kunsttheoretischen und literarischen Texten Goethes reflektierten Sprachfähigkeit der Objekte. In drei Fallstudien werden parergonale Rahmungen von Sammlungsstücken, paratextuelle Zurichtungen von Dingen und epistemische Möbel untersucht. Eine vierte Studie widmet sich der geowissenschaftlichen Sammlung; ihr kommt eine Querschnittsfunktion zu, da dieser nahezu geschlossen erhaltene Bestand es erlaubt, exemplarisch alle in den anderen drei Forschungsvorhaben analysierten Aspekte zueinander in Beziehung zu setzen.

Verbundpartner sind die Klassik Stiftung Weimar, Direktion Museen (Verbundkoordination), die Universität Bielefeld, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Germanistisches Institut sowie die Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Departement Germanistik und Komparatistik. Die Verschränkung der vier Fallstudien mit drei weiteren Arbeitsformaten wird den interdisziplinären Zugang, die internationale Sichtbarkeit sowie die Vermittlung an ein breites Publikum gewährleisten. Ein regelmäßig tagender Arbeitskreis, dem neben den ProjektleiterInnen und MitarbeiterInnen weitere WissenschaftlerInnen und RestauratorInnen angehören, befasst sich mit der Diskussion der Zwischenergebnisse und der Fortentwicklung konzeptioneller Fragestellungen, indem einerseits geistes- und naturwissenschaftliche Ansätze und andererseits theoriegeleitete universitäre mit der bestandsbezogenen musealen und restauratorischen Arbeit am Objekt vermittelt werden. Zudem wird eine Gruppe aussagekräftiger Objekte erarbeitet, die in kleinen experimentell angelegte Präsentationen in Form von Kurzfilmen vorgestellt werden, die historische Verfahren des „Gesprächs mit den Dingen“ in die medialen Möglichkeiten heutiger Ausstellungspraxis übersetzen. Zwei internationale Tagungen zu agency und epistemic frames von Sammlungsobjekten mit Partnern der Wissensforschung in Leiden und Luzern reflektieren die Ergebnisse des Projektes in theoretischer Hinsicht.

Verbundpartner Parerga

Prof. Dr. Wolfgang Holler (Verbundkoordinator)
Klassik Stiftung Weimar, Direktion Museen
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Prof. Dr. Johannes Grave (Wissenschaftlicher Sprecher des Projekts)
Universität Bielefeld, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie:
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Dr. Christiane Holm
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Germanistisches Institut:
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Prof. Dr. Cornelia Ortlieb
Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Departement Germanistik und Komparatistik:
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Laufzeit:

01. April 2015 – 31. März 2018