Weltweites Zellwerk – Umbrüche in der kulturellen Bedeutung frühmittelalterlichen Edelsteinschmucks vor dem Hintergrund von Wirtschaftsgeschichte sowie Ideen- und Technologietransfer

In großen Teilen Europas wurden im 5.-8. Jh. Tausende Schmuckobjekte mit einem roten Schmuckstein flächendeckend verziert, dem Granat. So charakteristisch dieser Stil für diese Jahrhunderte ist, zeichnen sich beim genaueren Hinsehen nicht nur regionale Unterschiede ab, sondern auch solche in seiner sozialen Relevanz. Dabei offenbart sich vor dem Hintergrund der „Dark Ages“ auch ein bisher wenig beachtetes Phänomen: Im Zentrum des fränkisch-merowingisch geprägten Europa ändert sich recht plötzlich im 7. Jh. die Machart dieses sogenannten Cloisonnéstils von einem üppigen, aus einem Überfluss schöpfenden, flächendeckenden Besatz mit rotem Granatplättchen orientalischer Provenienz hin zu einer schlichteren Variante, in der nur noch einzelne Splitter des „einheimischen“ böhmischen Granates zu verzeichnen sind. Die bisherigen Theorien für diesen Umbruch reichen von einer Störung der Fernhandelsrouten durch Perser und/oder Araber, über negative wirtschaftliche Auswirkungen auf die fränkische Außenhandelsbilanz, bis hin zum Modewandel.

Interessanterweise tritt in der Peripherie des Frankenreiches, in den angelsächsischen und skandinavischen Gebieten, aber gerade im 7. Jh. das flächendeckende Granat-Cloisonné vermehrt auf, zum Teil in äußerst qualitätvollen Stücken. Hier mangelt es an naturwissenschaftlichen Untersuchungen zur Herkunftsbestimmung der Granate. Stammen sie im 7. Jh. noch aus den gleichen Quellen wie zuvor oder gab es hier Umbrüche? Was passiert an der östlichen Peripherie des Frankenreiches, im Karpatenbecken? Wie in den westlich angrenzenden Gebieten der Westgoten griff man offensichtlich vermehrt auf Ersatzmaterialien, z.B. rotes Glas zurück. Manifestiert sich ein Bedeutungswandel roten Granats in Byzanz? Gibt es Erklärungen für den Wandel, die im Ursprungsland der Edelsteine, also in Indien selbst verortbar sind?

Aus der Kombination archäologischer, kunsthistorischer und quellenorientierter Studien sowie techno-logischen und naturwissenschaftlichen Analysen wird die Frage nach der Strukturierung der europä-ischen Wirtschaftszonen und ihrer Außenhandelskontakte im 7. Jh. beleuchtet. Wie kaum ein anderes Fundgut ist das Material und der damit verbundenen Cloisonnéstil geeignet, den wirtschaftlichen, sozialen und semiotischen Wandel auf der einen Seite, aber auch Kontinuität und Gemeinsamkeiten auf der anderen Seite in den unterschiedlichen Regionen Europas abzubilden. Mithilfe eines strukturell, wie thematisch eng verzahnt arbeitenden, interdisziplinären Teams internationaler Wissenschaftler sollen verschiedene, neue Sichtweisen helfen, über den Tellerrand hinaus zuschauen.
Um die Ergebnisse vorzulegen und zu vermitteln, ist neben verschiedenen Publikationen auch eine internationale Konferenz geplant. Im Anschluss an das Forschungsvorhaben soll eine themenbezogene Ausstellung stattfinden.

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(Verbundkoordinator)
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Apl. Prof. Dr. Jörg Gengnagel
Kerstin Sobkowiak M.A
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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Südasien-Institut
Heidelberg
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Laufzeit:
01.01.2014 bis 31.12.2016

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