PolitCIGs - Die Kulturen der Zigarette und die Kulturen des Politischen: Zur Sprache der Produkte im 20. und 21. Jahrhundert

Die Zigarette zählt zu den prominentesten Produkten des vergangenen Jahrhunderts. Ihre Anmutungen, ihr Geschmack und Geruch, ihre Haptik und Symbolik, aber auch ihr Gebrauch und ihr Genuss, hatten nicht zuletzt auch politische Dimensionen. So die grundlegende These des Forschungsverbundes „PolitCIGs“, der sich unter der Leitung von Prof. Dr. Rainer Gries aus Historikerinnen und Historikern der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU), Museumswissenschaftlern des Hamburger Museums der Arbeit sowie Psychologinnen und Psychologen der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien (SFU) zusammensetzt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert diesen interdisziplinären Verbund innerhalb der Bekanntmachung „Die Sprache der Objekte: Materielle Kultur im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen“ seit Oktober 2013 für drei Jahre mit rund einer Million Euro.

Am Beispiel der Zigaretten wird „PolitCIGs“ erstmals untersuchen, wie genau die Kulturen der Zigarette und des Rauchens mit den politischen Kulturen in Deutschland und Österreich des 20. und 21. Jahrhunderts zusammenhängen. Die Wissenschaftler fragen: Inwieweit werden politische Kulturen direkt oder indirekt gestützt oder gar hinterfragt, wenn Individuen, soziale Gruppen, Milieus, Generationen oder ganze Gesellschaften über und durch Zigaretten kommunizieren? Welche Art von „Politik“ verbirgt sich hinter dem schönen unpolitischen Schein der Zigarette? Welche offenen und versteckten politischen Bezüge entdecken wir in den Tabakmischungen, in den Verpackungen, in der Werbung und im Konsum der Zigarette?

Zigaretten sind besonders sensible Seismographen gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Zigaretten offen politisch aufgeladen. Dies zeigt sich etwa anhand der raschen Umbenennungen und „Eindeutschungen“ fremdsprachiger Zigarettenmarken. Aus den Zigarettenmarken „Dandy“, „Gibson Girl“ und „La Fleur“ des Berliner Zigarettenherstellers Manoli wurden „Dalli“, „Wimpel“ und „Gudrun“. Die „Deutsche Heldenzigarette“ oder das „Teutonen Gold“ passten hervorragend in die Zeit.
In den 1920er Jahren gaben sich die neuen Zigarettenmarken „Ernte 23“, „R 6“ oder „Senoussi“ zwar betont unpolitisch, doch sollten gerade sie das öffentliche Vertrauen (wieder) gewinnen – was die Politik der Zwischenkriegszeit nicht leisten konnte, sollte von den Zigaretten erbracht werden.
In den 1930er Jahren waren Zigaretten Medien der Parteipropaganda. Ein SA-Mann in Uniform stand für die „Trommler“-Zigarette, aber auch „linke“ Zigaretten waren im Angebot: Die sozialdemokratische „Eiserne Front“ empfahl etwa die Zigarettenmarken „Disziplin“ und „Freiheit“.
Doch Zigaretten transportieren und beglaubigen auch auf subtilere Weise politische Gehalte: Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Tabakmischung dramatisch: Leichte und helle American-Blend-Tabake lösten die dunklen und starken Orient-Tabake ab. Damit ging eine radikale Veränderung der Symbolwelten des Rauchens einher: Die Zigarette wurde nun zunehmend mit den kulturellen und politischen Horizonten der Vereinigten Staaten von Amerika verknüpft (etwa „Gold Dollar“ oder „Texas“); sie avancierte zu einer transatlantischen Brücke, wurde womöglich zur Inkarnation der neuen politischen Werte.

Bei seiner Forschung stützt sich der Verbund vor allem auf die Bestände des Museums der Arbeit in Hamburg mit dem Produkt-, Foto- und Werbemittelarchiv sowie der tabakhistorischen Sammlung der Reemtsma Cigarettenfabriken. Der Reemtsma-Konzern kontrollierte zwischen 1929 und Kriegsende 1945 bis zu achtzig Prozent des deutschen Zigarettenmarktes. Die Bestände reichen von rund 25.000 Anzeigenmotiven sowie mehr als 3.500 Werbeplakaten über ungefähr 20.000 Zigarettenpackungen (zumeist mitsamt der Originalzigaretten) bis hin zu Emailleschildern, Kino- und TV-Spots, Packungsentwürfen, Reinzeichnungen und rund 50.000 Handelsdisplays, Werbefiguren und Zigarettensammelbildern.

Das Verbundprojekt wird methodische wie theoretische Ansätze der Geschichts-, der Kultur-, der Kommunikationswissenschaft und der Psychologie miteinander verknüpfen, um neue Wege zur Erforschung materieller Kulturen zu entdecken. Zunächst rekonstruieren die Wissenschaftler die politische Kulturgeschichte der Zigarette vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg, sodann widmen sie sich der Entdeckung der hidden politics des Rauchens von 1945 bis heute.

Verbundpartner PolitCIGS

Prof. Dr. Rainer Gries (Verbundkoordinator)
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Philosophische Fakultät, Historisches Institut
Tel.: +49 3641 944409
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Stefan Rahner M.A.
Stiftung Historische Museen Hamburg
Museum der Arbeit
Stefan Rahner M.A.
Tel.: +49 40 428133-115
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Weitere Informationen

Laufzeit:
01.10.2013 bis 30.09.2016

Internetseite PolitCIGs